Die lächelnden Jurymitglieder vor der Leinwand neben der Gebärdensprachdolmetscherin
Lara Plavcak, Alexandra Schmidt, Vadim Jendreyko, Bart van den Berg. Foto: Lua Leirner / look&roll

preise

Die internationale Jury hat die «look&roll 2016 Awards» in Höhe von CHF 5’000.- und CHF 2’500.- vergeben

Der «look&roll Publikumspreis 2016» in Höhe von CHF 4’000.- wurde zur Hälfte von Procap Schweiz gestiftet und geht an IK LAAT JE GAAN von Kim Faber. Herzlichen Glückwunsch!

Die Begründungen der Jury:

1. Preis der Jury (CHF 5’000.-)
ALLES IS GEZEGD (ALLES IST GESAGT)
Regie: Anne-Marieke Graafmans

Begründung der Jury: Die Rahmenhandlung ist denkbar einfach: Um ihre Mutter zu entlasten verbringen ihre drei Söhne ein Wochenende mit ihrem Vater, der mit «Locked-In-Syndrom» lebt, in dessen Wohnung. In diesem zeitlich und örtlich sehr begrenzten Rahmen gelingt es der Filmemacherin, eine Geschichte zu entwickeln, die weit über sich hinausweist: Wir lernen ein Familiengefüge kennen, in dem jedes Mitglied einen eigenen Weg gefunden hat, mit der Situation umzugehen. Wir erleben, wie die Herausforderung die Menschen hat reifen lassen, wie sie zu einem offenen, selbstverständlichen und auch zärtlichen Umgang gefunden haben in dem Schwieriges nicht ausgespart, sondern benannt werden kann. Der beschwingte Humor im Umgang zwischen den Söhnen und ihrem Vater wirkt auf uns als Zuschauer befreiend: Fühlen wir anfangs angesichts des Zustandes des Vaters noch eine bedrückende Schwere, so wandelt sich unser eigenes Verhältnis zur Hauptfigur und wir erkennen, was sich unter der Oberfläche verbirgt. Der Vater, die ganze Situation wird plötzlich «Touchable» und wir werden uns dadurch zugleich bewusst, wie sehr wir selber doch von einem gesellschaftlichen Syndrom, dass wir «Locking-Out-Syndrom» nennen könnten, befallen sind: wie sehr wir aus eigener Unsicherheit uns Dinge, vor denen wir Angst haben oder die uns überfordern könnten, vom Leibe halten und ausgrenzen. Die befreiende Transformation, die wir selber durch den Film erleben, die Behutsamkeit und der Respekt, mit der die Filmemacherin in sehr persönliche Räume vordringt und die Wärme, die ihr Film ausstrahlt, haben uns dazu bewogen, ihr Werk mit diesem Preis auszuzeichnen.

2. Preis der Jury (CHF 2’500.-)
DER BESTE WEG
Regie: Angelika Herta

Begründung der Jury: Der Film zeichnet sich durch eine radikale wie originelle Umsetzung seines Themas aus. Wir folgen der Erzählung einer leblosen Computerstimme, deren Monotonie in krassem Kontrast zu einem mit Wut, Witz, Trotz und Selbstironie gespicktem Text steht. Durch die optische Reduzierung auf eine virtuose Typografie wird das Publikum dazu eingeladen, sich seine eigenen Bilder zu machen und findet sich so unweigerlich in der Perspektive der Erzählerin wieder, deren Schilderung und Tempo es folgt. Wir lachen mit der Protagonistin, doch lachen wir zugleich über unsere eigene Unkenntnis, mit der uns der Film konfrontiert, über unsere Unbeholfenheit und Ignoranz im Umgang mit Blinden. Wir gratulieren herzlich dem Film «Der beste Weg» zu diesem Preis!

Besondere Erwähnung der Jury:
AWAKE
Regie: Michael Achtman

Begründung der Jury: Es ist uns eine Ehre, unsere besondere Erwähnung und Empfehlung an einen Film zu geben, in dem wir Zeuge eines bemerkenswerten Zusammentreffens werden: Zwei Menschen, deren Hintergrund nicht unterschiedlicher sein könnte, finden zu einer wirklichen Begegnung. Mit grosser Spielfreude geben die beiden Schauspielerinnen ihren Charakteren Tiefe und entwickeln eine dynamische und vielschichtige Chemie zwischen ihren Figuren. Der Film lässt die üblichen Grenzen der «Behinderten-Thematik» hinter sich und wird selbst zu einem Beispiel von Emanzipation und Inklusion, denn es geht um zwei starke Frauen und ihren Versuch zueinander zu finden, zu einer Freundschaft vielleicht – und ganz nebenbei sind beide Frauen auch blind. Wir möchten die Schauspielerinnen, den Filmemacher und sein Team ermutigen, in diesem Geiste weiterzufahren und geben unsere Spezielle Erwähnung deshalb an…. Awake !!!

Spezialpreis des Festivalleiters (CHF 1’000.-)
AWAKE
Regie: Michael Achtman

Begründung des Festivaldirektors: Es gehört seit der Gründung  des Festivals im Jahr 2006 zu den wichtigsten Anliegen von look&roll, die wunderbare Welt der Filme für ein möglichst grosses Publikum zu erschliessen. Zu den grundlegenden Hilfsmitteln gehören in diesem Zusammenhang die Audiodeskription und Untertitel für Menschen mit eingeschränktem Gehör. Regisseur Michael Achtman hat bereits in der Originalsprache beides in bestmöglicher Weise angelegt und damit nicht nur unsere Arbeit erleichtert, sondern auch gezeigt, dass Zugänglichkeit ein fester Bestandteil seiner Arbeitsweise als Filmemacher ist. Das ist leider immer noch eine Ausnahme, die aus unserer Sicht absolut preiswürdig ist. Unsere Freude darüber ist umso grösser, als «Awake» ein grossartiges cineastisches Vergnügen ist.

 

Die Jury

Bild: Portraitfoto Vadim Jendreyko

Vadim Jendreyko

Schweizer Filmpreis 2002 für «Bashkim» und 2010 für «Die Frau mit den 5 Elefanten». Seit 2002 ist er als Mitgründer von Mirafilm auch als Filmproduzent und Verleiher tätig. Vadim Jendreyko lebt in Basel.

Bild: Portraitfoto von Bart van den Berg

Bart van den Berg

Protagonist im Dokumentar­film «Over mijn lippen» über das Stottern. Regel­mässig Gast­moderator bei look&roll. Frei­schaffen­der Netz­werk­spezialist und unter dem Label BBARTT Be­rater zum Um­gang mit Schwächen.

Bild: Portraitfoto Lara Plavčak

Lara Plavčak

Studium der Kunstgeschichte und Kultur­wis­sen­schaf­ten in Ljubljana. Kuratiert Aus­stel­lun­gen zur Ge­gen­warts­kunst, or­ganisiert Ver­anstal­tun­gen, schreibt über Kunst und Film. Mitarbeit beim Kurz­film­festival Fekk in Ljubljana.

Bild: Portraitfoto Alexandra Schmidt

Alexandra Schmidt

Co-Leiterin (Programm und Marketin) beim Filmfest Dresden, einem der renommiertesten deutschen Kurzfilmfestivals. Seit 2014 im Aus­tausch mit look&roll in Pro­gramm- und Erschlies­sungs­fragen.