HÖHENFEUER
Fredi M. Murer
CH 1985, 119 Min., Spielfilm
Ein Meisterwerk des Schweizer Kinos. Der gehörlos geborene Bub und seine Schwester leben mit den Eltern auf einem abgelegenen Hof in den Bergen. Der Vater leistet der neuen Zeit bewusst Widerstand: „Eher schlag’ ich ihn tot, als dass ich ihn in ein Heim gebe.“ Entsprechend wird auch Belli nach der Schulzeit Magd im eigenen Haus und Lehrerin ihres jüngeren Bruders. Seit früher Kindheit sind die beiden ein unzertrennliches Paar. Bis plötzlich das passiert, was nie passieren dürfte: In der totalen Einsamkeit verlieben sie sich ineinander. Als Bellis Schwangerschaft offensichtlich wird, kommt es – mit der Konsequenz einer griechischen Tragödie - zur Katastrophe.
Fredi M. Murer beobachtet genau, räumt alle Voralpenklischees radikal weg. Die Schweiz, die er zeigt, ist ebenso wunderbar wie verwundbar. Der Inzest wird zum Symbol für Selbstbefreiung aus der Enge einer in sich erstarrten Umwelt durch die befreiende Kraft der Liebe. Das gewaltige, eindrückliche Epos gewann 1985 den Goldenen Leoparden am Internationalen Filmfestival von Locarno.
Warum wir diesen Film empfehlen:
Ein Film der starken Symbole. Die Hörbehinderung steht nicht im Zentrum, ist aber allgegenwärtig und ein treffendes Bild für Abgeschiedenheit, Einsamkeit und Verständigungsprobleme der Menschen. Fast alle kennen diesen Film, fast niemand verbindet ihn mit Gehörlosigkeit. Die Abhängigkeit der Menschen untereinander ist existentiell. Der Vater würde seinen Sohn lieber totschlagen, als ins Heim geben, die Geschwister gehen ein inzestuöses Verhältnis ein. Der Film kann auch als Zeichen dafür interpretiert werden, wie hart ein Leben ist, in dem Kommunikation nur unter massiv erschwerten Bedingungen und immer abhängig von der unmittelbaren Umgebung stattfinden kann.
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SUR MES LEVRES
(Tödliche Bekenntnisse)
Jacques Audiard
F 2001, 115 Min., Spielfilm
Carla (Emmanuelle Devos) ist hörbehindert, nicht sehr attraktiv und wird in der von Männern dominierten Immobilienfirma kaum beachtet. Soziale Kontakte hat sie kaum, ihre Hörschwäche isoliert die unscheinbare Mittdreissigerin zusätzlich. Nach einem Schwächeanfall darf ein Praktikant sie entlasten. Es ist Paul (Vincent Cassel), ein junger, frisch aus dem Knast entlassener Wohnungsloser. Paul entfacht in Carla ein scheues Begehren - und die Lust am Verbotenen! Denn um einen Ganoven auszutricksen, macht er sich ihre Gabe zu Nutze: Carla kann von den Lippen lesen. Dank ihr entdeckt er die Liebe und sie die Grenzen des Gesetzes. Der ungewöhnliche, knisternde Liebeskrimi um zwei Aussenseiter ist klug erzählt, toll gespielt und gewann drei Césars - u. a. für Emmanuelle Devos.
Warum wir diesen Film empfehlen:
Diese Story weckt keine Sympathien für die Protagonisten. Der Film bedient auf den ersten Blick manche negativen Klischees über Hörbehinderte und Menschen am Rande der Gesellschaft. Er schärft allerdings gerade dadurch eindringlich das Bewusstsein des Betrachters für die verzweifelte Suche nach Anerkennung und Respekt und einem Platz in der Gesellschaft. In diesem Fall klappt das erst nach der Beseitigung moralischer Skrupel. Der Film wendet sich radikal gegen Vorurteile und unterläuft damit jedes Mitleid. In dem Moment, wo die hörbehinderte Frau ihre moralischen Bedenken überwindet, reüssiert sie. Nicht zuletzt, weil sie Lippen lesen kann!
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TOUCH THE SOUND
Thomas Riedelsheimer
D 2004, 100 min., Dokumentarfilm
Ein Filmportrait der Solo-Perkussionistin Evelyn Glennie, welche in der Welt der klassischen Musik längst ein Star ist. Und dies, obwohl die Schottin in ihrer Kindheit ihr Gehör weitgehend verloren hat. Den Klang berühren – so beschreibt sie denn auch das Hören. Ausgehend von einer alten Fabrikhalle, wo Evelyn mit Fred Frith ihre erste CD mit improvisierter Musik aufnimmt, unternimmt der Film eine Reise um die Welt, nach Japan, Kalifornien, New York und Schottland. Gemeinsam mit Evelyn Glennie und ihren musikalischen Partnern tauchen wir ein in ein faszinierendes Universum, in dem wir beginnen, Bilder zu hören und Klänge zu sehen. Wie Glennie ihren Körper als Resonanzraum nutzt, wie sie den Klang gleichsam berührt und sich mit all ihren Sinnen der Musik hingibt, das zeigt dieser Film in erlesen schönen Bildern. Eine Sinfonie der Töne und Geräusche, vorgetragen von einer herausragenden Persönlichkeit. Im Filmbulletin stand anlässlich der Premiere 2004: „TOUCH THE SOUND" ist ein Film über das Hören mit dem ganzen Körper.»
Warum wir diesen Film empfehlen:
Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie wegen individueller Schwächen aussergewöhnliche Begabungen gefördert werden. Wie wenige andere hat Evelyn Glennie aufgrund ihrer Gehörlosigkeit ihre Wahrnehmung von Vibrationen nahezu perfektioniert. Voraussetzung dafür war nach ihrer eigenen Aussage vor allem die unentwegte Förderung durch ihre Eltern. Heute profitieren von ihrem musikalischen Können selbst anspruchsvolle Liebhaber klassischer Musik.
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URSULA ODER DAS UNWERTE LEBEN
Reni Mertens, Walter Marti
CH 1966, 88 Min., Dokumentarfilm
Ursula Bodmer ist blind, gehörlos und lernbehindert. Unter der geduldigen Fürsorge ihrer Pflegemutter Anita Utzinger und der systematischen Schulung der Musikpädagogin Mimi Scheiblauer, die für ihre "Rhythmik-Therapie" berühmt wurde, lernt Ursula sich zu bewegen, zu essen und ihren Willen zu bekunden. Eindrucksvolle Dokumentation über die Stationen eines Kindes bis zum ersten Lachen im achten Lebensjahr. Ein grosses Dokument der Menschlichkeit.
Als der Film 1966 in die Kinos kam, erregte er grosses Aufsehen, weil er nicht nur die Misstände von Behinderten-Betreuung aufzeigte, sondern auch demonstrierte, welche Entwicklungsmöglichkeiten in schwerstbehinderten Menschen angelegt sind. Ueberdies ist der Film ein historisches Dokument, weil er die Einzigartigkeit der Pädagogin Mimi Scheiblauer (1891-1968) bei ihrer Arbeit festhält und Auslöser war für eine schrittweise Verbesserung der Therapien und Behandlungsmethoden, nachdem sich die Wellen des Schocks, ja Skandals, als der Film ins Kino kam, geglättet hatten.
Warum wir diesen Film empfehlen:
Ein rares und interessantes historisches Dokument. Es setzt nicht nur Ursula Bodmer, sondern vor allem ihrer Pflegmutter Anita Utzinger ein Denkmal. Ihre äusserst ungewöhnliche Hingabe an die Betreuung des behinderten Kindes steht einzigartig da - nicht nur in der damaligen, sondern mehr noch in der heutigen Zeit. In dieser Hinsicht kann der Film Ausgangspunkt sein für Diskussionen über selbstlosen Einsatz und Helfer-Syndrom. Ein weiterer ist die von Mimi Scheiblauer entwickelte Pädagogik, welche - ihrer Zeit damals weit voraus - schon damals nicht die Schwächen und Defizite einer behinderten Person betonte, sondern deren Stärken und Fähigkeiten.
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JENSEITS DER STILLE
Caroline Link
D 1996, 108 Min., Spielfilm
Hauptfigur ist Lara, ein junges Mädchen, welches sich langsam vom Elternhaus loslösen möchte. Doch dieser ohnehin nicht einfache Schritt wird zusätzlich erschwert: Laras Eltern sind gehörlos. Sie brauchen ihre Tochter als Dolmetscherin, als Ohr und Stimme zur Aussenwelt. Ohne Lara schrillt das Telefon ins Leere, wartet der Postbote vergebens, ist der Bankbeamte aufgeschmissen. Lara vermittelt zwischen Hörenden und Gehörlosen, und bei Bedarf beschreibt sie ihren Eltern auch den Klang des Schnees. Erst eine geschenkte Klarinette und die damit verbundene Entdeckung der Wunderwelt Musik ermöglichen Lara den Abschied. Den Abschied vom Elternhaus und von der Kindheit.
"Jenseits der Stille" ist ein unbeschreiblich feinfühliger Film, der die Problematik des Themas in keiner Weise beschönigt. Ähnlich der Gebärdensprache strahlt er eine grosse Ruhe und Zärtlichkeit aus. Ein Ereignis sind die Darsteller: die gehörlosen Howie Seago und Emmanuelle Laborit als Eltern sowie die junge Sylvie Testud als Lara. Ein Film über Gehörlose, über das Erwachsenwerden, die erste Liebe, den ersten Liebeskummer. Über das Leben.
Warum wir diesen Film empfehlen:
Die Tochter in dieser gemischt hörenden Familien ist sowohl Ohr, wie Übersetzungshilfe zur Welt. Dieser grossen Verantwortung ist sie sich eine Kindheit lang sehr bewusst und nimmt sie auch vorbildhaft wahr. Tragisch wird die Situation mit dem Erwachsenwerden und dem drohenden Auszug aus der Familie. Hier bringt der Film eine kaum zu lösende und in der Realität weit verbreitete Konstellation auf den Punkt. Ein idealer Ausgangspunkt für Diskussionen über Abhängigkeiten und Ablösungen, nicht nur, wo es ums Thema Behinderung geht.
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WEITERE FILME ZUM THEMA
TAKE SHELTER
(Take shelter - Ein Sturm zieht auf)
Jeff Nichols
USA 2011, 125 Min., Spielfilm
Im Mystery-Thriller Take Shelter führt Curtis LaForche (Michael Shannon) tagsüber ein bescheidenes aber glückliches Leben. Er lebt mit seiner Frau Samantha (Jessica Chastain) und seiner gehörlosen Tochter Hannah in einer beschaulichen Kleinstadt. Er führt eine glückliche Ehe und ist bei seinen Kollegen und Mitmenschen geschätzt. Doch jede Nacht plagt ihn ein zunehmend bedrohlicher Albtraum von einem apokalyptischen Unwetter und Gewaltausbrüchen seiner Mitmenschen. Für Curtis sind diese Träume entweder die Vorboten einer bevorstehenden Katastrophe oder die frühen Symptome von etwas, vor dem er sich bereits sein ganzes Leben lang gefürchtet hat. Er traut sich nicht, seine Visionen mit jemandem zu teilen, doch in panischer Angst um seine Familie beginnt er in seinem Garten einen Sturmbunker zu bauen.
Mehr Informationen zum Film
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