Filmstill mit Untertiteln für gehörlose
 
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Untertitel gehören auf die Leinwand!

Schön wärs!

Die technischen Möglichkeiten für inklusives Kino sind vorhanden, aber die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist gross, sobald es um die praktische Umsetzung geht. Wir begrüssen jedes Engagement mit dem Ziel, auch Menschen mit Sinnes- und anderen Behinderungen den Genuss von Kinofilmen zu ermöglichen. Der barrierefreie Zugang ist dabei allerdings nur der erste Schritt. Echte Inklusion erfordert mehr als technische Konzepte.

Derzeit werden mit grossem Aufwand Dienstleistungen voran getrieben, die einen grossen Teil jener Menschen ignorieren, für die sie angeblich entwickelt wurden. Kommerzielle Interessen von Anbietern und Unkenntnis bei Geldgebern und Veranstaltern im Hinblick auf Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen spielen hier sehr unglücklich zusammen. Wir erlauben uns deswegen ein paar kritische Anmerkungen.

Untertitelung

Für Menschen mit eingeschränktem Gehör werden verschiedene Lösungen angeboten, die Untertitel von Filmen auf das Display von Smartphones (!) ausgeben. Wir empfehlen einen Selbstversuch mit diesem ans Absurde grenzenden «Hilfsmittel» und fragen uns, wie es zur Förderung, Entwicklung und Verbreitung einer solchen Technik überhaupt kommen konnte.

Einer der Anbieter hat den Unsinn mittlerweile eingesehen und testet nun eine (kaum bessere) Lösung mit Spezialbrille. Folgende Probleme werden auftauchen, sofern die Technologie je zufriedenstellend funktionieren sollte: Die Kinos haben mit der Ausgabe der Brillen genau den Mehraufwand, den die App-Lösung vermeiden sollte. Wer sich mit der Gehörlosenkultur beschäftigt hat, weiss, dass Gehörlose meist in grösseren Gruppen ausgehen. Es müsste also im Kino eine relativ grosse Zahl der teuren Brillen vorgehalten werden und es steht zu bezweifeln, dass die Betreiber zu einer solchen Investition bereit sind. Angesichts der fragilen Technik dürfte die Haltbarkeitsdauer der Brillen begrenzt sein, bzw. der Aufwand für Instandhaltung hoch.

Das grundsätzliche Problem bei der Untertitelung besteht in der Behauptung, die geringfügig erweiterten Untertitel für Hörgeschädigte auf der Leinwand seien für das Publikum unzumutbar. Wenn dem wirklich so wäre – was wir aufgrund von Publikumsreaktionen bei unseren Gastauftritten auch an grossen Festivals stark bezweifeln – dann könnte man dank der digitalen Projektion ohne weiteres einen Teil der Vorführungen weiterhin auf konventionelle Weise zeigen, um den PuristInnen Genüge zu tun. Selbstverständlich ist es nachvollziehbar, wenn FilmemacherInnen Ihr Werk in der reinsten Form präsentieren möchten. Allerdings kollidiert dieser Wunsch mit einem ebenso gewichtigen: dass nämlich möglichst viele Menschen ihre Filme sehen sollen! (Deswegen ist an Festivals die untertitelte Version unumstritten und es hat wohl seine Gründe, dass Unter- oder Übertitelung in Theater, Musik und Oper einen grossen Aufschwung erlebt.)

Jenseits aller Diskussionen und Überlegungen gilt: Untertitel zu einem Film gehören auf die Leinwand! Sie auf einem Mobiltelefon anzubieten, ist eine Ohrfeige für das Zielpublikum und würde im konventionellen Kino bei BesucherInnen von Originalfassungen mit UT empörte Reaktionen hervorrufen.

Schwer nachzuvollziehen ist in diesem Zusammenhang, warum Kinos und Verleihern die grosse Zielgruppe schwerhöriger älterer Menschen völlig ausser Acht lassen. Ihr wäre mit Untertiteln (auch in der Originalsprache des Fims, also deutsche UT zu deutschsprachigen Filmen) zusätzlich zu den heiklen und störanfälligen Induktionsschleifen ungemein gedient. Hier liegt ein grosses und ökonomisch relevantes Besucherpotenzial brach.

Audiodeskription

Für die Audiodeskription im Kino wird derzeit mit grossem Aufwand vor allen Dingen die App «Greta» lanciert. Sie stellt die Audiodeskription gegen Bezahlung durch die Produktions- oder Vertriebsfirmen auf einem Server zum (keineswegs immer reibungslos funktionierenden) Download bereit. Voraussetzung für den Download ist zunächst eine Registrierung. Nutzerinnen oder Nutzer können dann über ihr Smartphone die Hörfassung des Filmes auf Kopfhörer empfangen, wobei auf dem Server eine sehr geringe Anzahl von Firmen verfügbar ist. Neben dem Besitz eines technisch geeigneten Smartphones und dem souveränen Umgang damit wird also eine aufwändige Vorbereitung (Download, Smartphone richtig konfigurieren, Ladezustand prüfen) auf jeden einzelnen Kinobesuch und die Preisgabe persönlicher Daten verlangt. Wer sich nicht vom Smartphone abhängig machen will oder es nicht bedienen kann, bleibt vom Kinobesuch ausgeschlossen. Oder soll sich, wie vom Anbieter empfohlen (!!!) bei Bedarf das Smartphone eines Freundes oder einer Freundin ausleihen.

Eine andere, ebenfalls app-basierte Lösung bietet die Audiodeskription im Kino bei der Projektion ab DCP via streaming auf das Mobiltelefon an. Auch hier müssen die NutzerInnen das eigene Smartphone mitbringen und bedienen können, um einen Film anzusehen. Geworben wird vom Anbieter sinngemäss mit dem Slogan «Inklusion ohne Aufwand fürs Kino dank bring-your-own-device-Strategie». (Menschen mit Hörbehinderungen liefert diese Lösung die Untertitel ebenfalls aufs Display des Mobiltelefons.)

Günstigere und inklusivere Möglichkeiten existieren und funktionieren. Voraussetzung dafür ist die Anschaffung eines durchaus erschwinglichen Technikmoduls mit Empfängern und Kopfhörern durch das Kino. Dieses Modul kann auch mobil (zum Beispiel abwechselnd in verschiedenen Sälen) eingesetzt werden. Die Audiodeskription befindet sich auf dem Trägermedium (DCP) wie der Film selbst und wird parallel zur Projektion auf Kopfhörer geschickt, die an der Kinokasse ausgegeben werden. Blinde und sehbehinderte Menschen gehen ohne spezielle Vorbereitung und ohne Einsatz eigener technischer Geräte ins Kino – wie alle anderen BesucherInnen auch.

Untertitel für Menschen mit beeinträchtigtem Gehör können problemlos auch nur bei einzelnen Veranstaltungen auf die Leinwand ausgegeben werden, sofern sie im DCP enthalten sind.

Kinobetreiber, die den minimalen Zusatzaufwand für die Ausgabe der Empfänger für unzumutbar halten, müssen sich den  Vorwurf gefallen lassen, Inklusion zu verhindern. Das ist umso unverständlicher, als sie an jedem zusätzlich verkauften Ticket mehr verdienen, als bei der Ausgabe eines Getränks. Und dafür ist kaum einem Kino Aufwand zu gross…

Ein weiteres Problem ist aktuell der Unwillen vieler Verleiher, sich zeitgemäss zu verhalten. Kinos in der Schweiz, die technisch für das Ausspielen der Audiodeskription ausgestattet sind berichten, dass ihnen bislang kein einziger Film mit der Audiodeskriptionsspur geliefert wurde! Angesichts der Vorgaben der Filmförderung ist es nicht möglich, dass zu aktuellen Filmen aus einheimischer Produktion keine Audiodeskription vorhanden ist. Es steht zu befürchten, dass von dieser Seite bewusst und vorsätzlich gegen inklusive Bemühungen gearbeitet wird.

Qualität der Audiodeskription

In der Produktion von Audiodeskription wird angesichts der jüngsten gesetzlichen Vorgaben augenscheinlich ein El Dorado vermutet. Schlagartig bieten zahllose private und sogar öffentliche wie halböffentliche Unternehmen, sowie Selbständige ihre Dienste an, obwohl sie über keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet verfügen. Auf den unabdingbaren Einbezug von Menschen mit Behinderungen legen viele von ihnen keinen Wert. Um Kosten zu sparen, schreiben zudem viele FilmemacherInnen selbst die Audiodeskription zu ihren Werken. Es kann nicht verwundern, dass auf diese Weise oft unbrauchbare Resultate zustande kommen.

Seriöse Arbeit leisten in der Schweiz seit kurzer Zeit die Fachleute von Hörfilm Schweiz und in Deutschland die Mitglieder des «Hörfilm e.V.»

FilmemacherInnen könnten übrigens bei der Zusammenarbeit mit Audiodeskriptionsprofis und blinden Filmfans viel lernen. Zum Beispiel über die Diskrepanz zwischen dem, was sie in ihren Filmen zeigen wollen und dem, was tatsächlich zu sehen ist…

Rollstuhlplätze

Zu inklusivem Kino gehören auch mehr als ein oder zwei Rollstuhlplätze. Wer regelmässig ins Kino geht, weiss doch, dass Vorstellungen nur sehr selten ausverkauft sind. Deswegen ist kaum zu verstehen, dass in den meisten Kinos nur die gesetzlich vorgeschriebene Minimalzahl von Rollstuhlplätzen angeboten wird. Bei wirklich grossem Andrang können auf der nicht von RollstuhlnutzerInnen in Anspruch genommenen Stellfläche problemlos zusätzliche Stühle platziert werden.

Fazit

Es gibt noch reichlich Luft nach oben! Wir appelieren an Arthouse- und Programmkinos die von thematischer Vielfalt leben, ihre inhaltliche Vision auch auf den Umgang mit ihrem Publikum anzuwenden. Und wir appelieren an Menschen mit Behinderungen, ihre Rechte einzufordern, ihre Bedürfnisse zu formulieren und zu kommunizieren.