Filmstill mit Untertiteln für gehörlose
 
1 / 3
 
Untertitel gehören auf die Leinwand!

wenn man wirklich will,…

…dann ist inklusives Kino gar nicht so kompliziert und es rechnet sich in vieler Hinsicht sogar. Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden, das theoretische Wissen ist im Überfluss dokumentiert, nur bei der praktischen Umsetzung hapert es noch gewaltig. Wir begrüssen jedes Engagement mit dem Ziel, Menschen mit Sinnes- und anderen Behinderungen den Genuss von Kinofilmen in der Praxis zu ermöglichen. Im Mittelpunkt müssen allerdings die Bedürfnisse der Zielgruppe stehen und nicht die  kommerziellen Interessen der Dienstleister. Der barrierefreie Zugang zum Kinofilm ist dabei nur der erste Schritt. Echte Inklusion erfordert unter anderem auch ein Nachdenken über eine angemessene, ehrliche und zielgruppengerechte Werbung.

Derzeit werden mit grossem Aufwand Dienstleistungen voran getrieben, die die Bedürfnisse vieler Menschen ignorieren, für die sie angeblich entwickelt wurden. Leere Versprechungen von Anbietern und Desinteresse bei Behindertenorganisationen sowie die weit verbreitete Unkenntnis der Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen bei Geldgebern und Veranstaltern spielen sehr unglücklich zusammen. Wir erlauben uns ein paar kritische Anmerkungen.

Untertitelung

Für Menschen mit eingeschränktem Gehör werden verschiedene Lösungen angeboten, die Untertitel von Filmen auf das Display von Smartphones ausgeben. Das ist absurd! Wir empfehlen einen Selbstversuch und fragen uns, wie es zur finanziellen Förderung der Entwicklung solcher Apps und zur Verbreitung dieser Technik überhaupt kommen konnte.

Ein Anbieter investiert nun Unsummen in die Entwicklung einer teuren Spezialbrille, die immer wieder angekündigt wird, aber nie funktioniert. Folgende Probleme werden auftauchen, sollte das doch irgendwann funktionieren: Die Kinos haben mit der Ausgabe der Brillen genau den Mehraufwand, den die gescheiterte App-Lösung verhindern wollte. Es müsste zudem im  Kino eine relativ grosse Zahl dieser Brillen vorgehalten werden, weil Gehölose gerne in Gruppen ausgehen. Ob Kinos zu einer solchen Investition bereit sind, steht zu bezweifeln. Die Haltbarkeitsdauer der fragilen Hilfsmittel dürfte sehr begrenzt und der Wartungsaufwand hoch sein.

Barrierefreie Filmvorführungen sind einzig und allein möglich, wenn deskriptive Untertitel auf der Leinwand erscheinen! Die diesbezügliche Diskussion wird derzeit nicht geführt. Verleiher und Kinos drücken sich mit der Schutzbehauptung, Untertitel generell und im besonderen solche für Hörgeschädigte seien für das Publikum unzumutbar. Wenn dem wirklich so wäre, – die Publikumsreaktionen bei unseren Screenings sprechen eine andere Sprache! – dann könnte man ohne weiteres einen Teil der Vorführungen auf konventionelle Weise zeigen, um den PuristInnen Genüge zu tun. (Die massiven Qualitätsverluste durch die Synchronisierung von Filmen wären ohnehin eine breitere Diskussion wert!) Selbstverständlich ist es nachvollziehbar, wenn FilmemacherInnen Ihr Werk in der reinsten Form präsentieren möchten. Allerdings kollidiert dieser Wunsch mit demjenigen, dass möglichst viele Menschen ihre Werke sehen sollen. An Filmfestivals, an denen sich die Branchenprofis mit treffen, ist die untertitelte Version unumstritten und es hat wohl seine Gründe, dass Unter- oder Übertitelung auch in Theater, Musik und Oper einen enormen Aufschwung erlebt.

Untertitel gehören auf die Leinwand! Sie auf einem Mobiltelefon anzubieten oder Gehörlosen mit einer Brille einen steifen Nacken zuzumuten ist eine Ohrfeige für das Zielpublikum.

Schwer nachzuvollziehen ist in diesem Zusammenhang auch, dass gewinnorientierte Kinos und Verleiher an der grossen Zielgruppe der älteren Menschen offensichtlich wenig interessiert sind. Ihr wäre mit Untertiteln (auch in der Originalsprache des Films, also deutsche UT zu deutschsprachigen Filmen) zusätzlich zu den heiklen und störanfälligen Induktionsschleifen ungemein gedient. Und fast jeder Kinobesuch zeigt den hohen Anteil älterer Menschen am Publikum. Hier wird ein grosses und ökonomisch relevantes Besucherpotenzial völlig vernachlässigt.

Audiodeskription

Für die Audiodeskription im Kino wird derzeit mit unglaublichem Aufwand und mit unwahren Behauptungen die App «Greta» lanciert. So wird immer wieder – derzeit zum Beispiel durch das öffentlich geförderte HfH-Projekt FASEA – die Falschinformation gestreut, alle Filme seien mit der App auch für Blinde erschlossen. Damit diese App die Audiodeskription zu einem Film bereit stellt, muss die Produktions- oder Vertriebsfirma aber erst einmal eine happige Aufschaltgebühr bezahlen. Voraussetzung für den Download auf das Smartphone sind dann eine Registrierung der NutzerInnen, die Suche nach der Audiodatei, ein technisch geeignetes Mobiltelefon mit der entsprechenden Konfiguration, die Prüfung des Ladezustands etc etc. Und das bei jedem Kinobesuch! Das mag für jüngere und technikaffine Menschen kein Problem sein. Wer sich aber nicht vom Smartphone abhängig machen will oder es nicht bedienen kann, bleibt vom Kinobesuch ausgeschlossen.

Eine andere app-basierte Lösung bietet die Audiodeskription im Kino bei der Projektion ab DCP via streaming auf das Mobiltelefon an. Auch hier müssen die NutzerInnen das eigene Smartphone mitbringen und bedienen können, um einen Film anzusehen. Geworben wird vom Anbieter sinngemäss mit dem an Deutlichkeit nicht zu überbietenden Slogan «Inklusion ohne Aufwand fürs Kino». (Menschen mit Hörbehinderungen liefert diese Lösung die Untertitel ebenfalls aufs Display des Mobiltelefons.)

Eine deutlich kostengünstigere, funktionerende und inklusive Möglichkeit für die Audiodeskription im Kino existiert seit vielen Jahren. Voraussetzung dafür ist die Anschaffung eines durchaus erschwinglichen Technikmoduls mit Empfängern und Kopfhörern durch das Kino. Dieses Modul kann mobil (zum Beispiel abwechselnd in verschiedenen Sälen) eingesetzt werden. Die Audiodeskription befindet sich auf demselben Trägermedium (DCP) wie der Film selbst und wird parallel zur Projektion auf Kopfhörer geschickt, die an der Kinokasse ausgegeben werden. Blinde und sehbehinderte Menschen gehen ohne spezielle Vorbereitung und ohne Einsatz eigener technischer Geräte ins Kino – wie alle anderen BesucherInnen auch.

Die Untertitel können bei dieser Lösung ebenfalls in verschiedenen Varianten ausgegeben werden.

Kinobetreiber und Verleiher, die den minimalen Zusatzaufwand für diese Lösung für unzumutbar halten, müssen sich den  Vorwurf der Diskriminierung gefallen lassen. Das ist umso unverständlicher, als sie an jedem zusätzlich verkauften Ticket mehr verdienen wie bei der Ausgabe eines Getränks. Und dafür ist leider keinem Kino der Aufwand zu gross…

Ein weiteres Problem scheint der Unwillen vieler Verleiher, sich mit dieser Frage zu befassen. Kinos, die technisch auf die Ausgabe der  Audiodeskription vorbereitetet sind berichten uns, dass ihnen bislang kein einziger Film mit der Audiodeskriptionsspur im DCP geliefert wurde! Angesichts der Filmförderungsgesetze muss bei  neueren schweizer und deutschen Filmen eine Audiodeskription angelegt werden. Es steht also zu befürchten, dass hier vorsätzlich gegen inklusive Bemühungen gearbeitet wird. Die Frage sei erlaubt, ob solche Unternehmen weiterhin eine Vertriebsförderung der öffentlichen Hand erhalten dürfen.

Qualität der Audiodeskription

Die Produktion von Audiodeskription wird angesichts der jüngsten gesetzlichen Vorgaben offensichtlich als neues El Dorado angesehen. Schlagartig bieten zahllose private, öffentliche und halböffentliche Unternehmen sowie Selbständige ihre Dienste an, obwohl sie über keine Erfahrung auf dem Gebiet verfügen. Auf den Einbezug von Blinden und Sehbehinderten bei der Produktion legen viele von ihnen keinen Wert. Blinde oder sehbehinderte MitarbeiterInnen in den «Kompetenzzentren Audiodeskription» sucht man vergebens, dagegen findet man z.B. ComputerlinguistInnen. Um Kosten zu sparen, schreiben manche FilmemacherInnen die Audiodeskription zu ihren Werken selbst. Das finden wir wunderbar, wenn blinde oder sehbehinderte Personen einbezogen werden und für eine brauchbare Qualität sorgen.

Professionelle und seriöse Arbeit leisten in der Schweiz seit kurzer Zeit auf jeden Fall die Fachleute von Hörfilm Schweiz und in Deutschland bereits seit langem die Mitglieder des «Hörfilm e.V.»

Rollstuhlplätze

Zu inklusivem Kino gehören mehr als ein oder zwei Rollstuhlplätze. Regelmässige KinogängerInnen wissen, dass Vorstellungen nur sehr selten ausverkauft sind. Deswegen ist es bedauerlich, dass in den meisten Kinos gerade nur die gesetzlich vorgeschriebene Minimalanzahl von Rollstuhlplätzen angeboten wird. Eine Gruppe von FreundInnen im Rollstuhl hat so kaum eine Chance, gemeinsam ins Kino zu gehen.

Fazit

Es gibt noch reichlich Luft nach oben! Wir appelieren nicht nur, aber vor allem an Arthouse- und Programmkinos die von thematischer Vielfalt leben, ihre inhaltliche Vision auch auf ihr Publikum anzuwenden. Und wir appelieren an Menschen mit Behinderungen (uns selbstverständlich an die vielen Organisationen, die von Menschen mit Behinderungen leben), ihre Rechte energischer einzufordern, ihre Bedürfnisse zu formulieren und zu kommunizieren.